Jan 11 2009
Warum die Fernsehbilder lügen
Wer dieser Tage einen Fernsehbericht über den Krieg in Gaza anschaut, sieht keine palästinensischen Kämpfer. Es scheint, als gebe es dort nur weinende Mütter, verletzte Kinder, verzweifelte Männer. Die Hamas kontrolliert genau, was gefilmt wird. Auch Israel hat an unabhängiger Berichterstattung kein Interesse.
Leblose blutende Kinder, weinende Mütter, verzweifelte Väter und Ehemänner vor den überlasteten Krankenhäusern – jeden Tag erreichen die Welt neue Bilder des Leids aus Gaza. Immer sind es Bilder palästinensischer Opfer. Bilder der palästinensischen Täter hingegen gibt es nicht.
Der Krieg zwischen Israel und der Hamas wird der Öffentlichkeit nur durch einen Filter präsentiert. Gesendet wird, was der jeweiligen Seite zum Vorteil gereicht. Israel hat den Gazastreifen für ausländische Berichterstatter geschlossen, und so kommt die sogenannte Wahrheit über den Krieg ausschließlich über fremde Augen zustande, stammen die Bilder, die über die Schirme in aller Welt flackern, fast ausschließlich von palästinensischen Kameraleuten. Deshalb hat Israels Armee inzwischen einen Kanal im Internetportal YouTube geschaltet, wo man von Kampfflugzeugen und Drohnen aufgenommene Bilder von Hamas-Kämpfern abrufen kann.
Mahmud Dschaber berichtet seit Jahren für das ZDF. In einem Beitrag für das Auslandsjournal gibt er offen zu, dass die Hamas seine Beiträge zensiert. „Es gibt Gegenden, wo uns das Drehen verboten wird, angeblich aus Sicherheitsgründen. Wir sind auch schon mehr als einmal verprügelt und geschlagen worden.“ Die Hamas hat kein Interesse daran, lebende Kämpfer abzubilden, die Raketen auf israelische Dörfer schießen. Denn die Hamas hat ebenso wie Israel verstanden: Den Medienkrieg zu gewinnen hat auch Bedeutung für das echte Kampfgeschehen.
Die Berichterstattung wird zur Waffe. „Medien wie al-Dschasira haben realisiert, dass das Zeigen von Opfern die effektivste Waffe in der politischen Auseinandersetzung mit Israel ist“, sagt Politikwissenschaftler Herfried Münkler. In der Flut aus einseitigen Bildern lassen sich selbst renommierte Medienanstalten an der Nase herumführen. So zeigte der französische Fernsehsender France 2 ein Video, das angeblich die Opfer eines israelischen Angriffs am 1. Januar zeigte – in Wirklichkeit stammten die Bilder von einer Explosion aus dem Jahr 2005. Sie war von Hamas-Raketen ausgelöst worden, die auf einem Lastwagen lagerten.
Objektiv zu berichten wird unmöglich. „Wir sind außen vor und beobachten von einem gemütlichen Hügel aus, was sich in einem Kilometer Entfernung abspielt“, klagt ARD-Korrespondent Richard Schneider in einem Beitrag für das NDR-Magazin „Zapp“. Ein weiteres Problem: Anders als die israelische Armee sind Hamas-Kämpfer kaum zu identifizieren. „Sie tragen keine Uniform und tauchen in der Bevölkerung unter. Ob ein Toter Zivilist oder Hamas-Kämpfer war, kann man nicht erkennen“, sagt Münkler. Ein Foto von ihnen kann ihr Todesurteil sein. „Die Hamas-Kämpfer sind Ziel der israelischen Angriffe, und jeder Fotograf in ihrer Nähe würde damit auch in Gefahr sein“, sagt Gernot Hensel, Managing Editor der Fotoagentur European Pressphoto Agency. Keine Fotos bedeuten bessere Überlebenschancen.
(Quelle mit mehreren Videos und Fotos: http://www.welt.de/politik/article2993384/Die-Fernsehbilder-vom-Krieg-in-Gaza-luegen.html)

